Schäubles „Unmöglichkeitstheorem“

Thales, Pythagoras, Platon, Aristoteles, Euklid, Archimedes waren griechische Philosophen und Mathematiker, die der Menschheit die höhere Mathematik vererbt haben. Jeder mag sich sein eigenes Bild machen, ob die heutige griechische Generation diesem Vermächtnis noch entspricht.

Doch auch das übrige Europa tut sich schwer, das Wesen der Mathematik zu verstehen, insbesondere dann, wenn sog. Ökonomen versuchen Ökonomie mit Mathematik gleichzusetzen. Mathematik ist ein sinnvolles Hilfsmittel um ökonomische Entwicklungen empirisch zu begleiten, es ist aber ein entscheidender Fehler, ökonomisches Denken durch Mathematik zu ersetzen.

Die heute herrschende ökonomische Lehre baut auf einem vereinfachten Standardaxiom (Grundannahme) auf und leitet daraus Erkenntnisse ab (Deduktion). Das Problem dabei ist, dass dieses Axiom nicht mal näherungsweise mit dem realen und sehr komplexen Wirtschaftsgeschehen übereinstimmt. Dennoch glauben die Apologeten (Befürworter) dieser Theorie ihre wirtschaftspolitischen Maßnahmen daraus ableiten zu können. Die so gewonnen theoretischen Implikationen werden uns mit der Genauigkeit der Euklidischen Wissenschaften präsentiert und gleichwohl setzt sich der Eindruck durch, dass nicht mal die Grundrechenarten verstanden worden sind.

Grundrechenarten

Versuchen wir es zunächst mal mit den einfachsten ökonomischen Zusammenhängen und dabei reichen die Grundrechenarten aus.

  • Die Geldvermögen des Einen sind immer die Schulden des Anderen.

Wenn uns die Politik dazu aufruft angesichts der sich prognosegemäß leerenden Rentenkassen private Altersvorsorge anzusparen, so ist vielen Menschen nicht klar, dass der monatliche Sparvorgang etwa in einen Banksparplan oder eine Lebensversicherung nur möglich ist, wenn es einen anderen Menschen oder eine andere Institution gibt, die sich in gleicher Höhe verschuldet. Schulden und Vermögen sind die beiden Seiten der gleichen Medaille. Diesen Zusammenhang illustriert sehr schön die nachfolgende Grafik:

Schulden und Vermögen in Deutschland

Quelle: Deutsche Bundesbank

Nun sagen uns aber die Politiker, insbesondere Herr Schäuble, dass der Staat sparen im Sinne von weniger ausgeben soll. Das ist ein Problem, denn sie rufen ja gleichzeitig dazu auf zu sparen im Sinne der Vermögensbildung. Dazu braucht man aber Schuldner, doch der Staat strebt die „schwarze Null“ an und steht ebenso nicht zur Verfügung, wie die Unternehmen. Diese sitzen auf hohen Vermögensbeständen und investieren nicht und machen demnach im Gegensatz zu früher auch keine Schulden mehr. Niemand verschuldet sich mehr, also kann das System „Schwarze Null“ bei gleichzeitigem Aufruf zur Vermögensbildung nicht aufgehen. Wir können konstatieren, es handelt sich hier um „Schäubles Unmöglichkeitstheorem“.

  • Die Ausgaben des Einen sind immer die Einnahmen des Anderen

Vielleicht kommen wir der Problematik mit der vorgenannten zweiten Feststellung auf die Spur und betrachten die Einnahmen und Ausgaben einer Volkswirtschaft. Dort werden im Allgemeinen vier Sektoren unterschieden, nämlich private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland. In diesen und zwischen diesen Sektoren werden alle Geldströme der Volkswirtschaft verbucht und wenn diese Geldströme addiert werden, resultiert daraus immer das gleiche Ergebnis, nämlich Null. Einnahmen müssen immer identisch mit den Ausgaben sein. Wir können dies sehr einfach an den Finanzierungssalden der Sektoren in den letzten Jahren nachvollziehen.

Quelle: Eurostat, Dt. Bundesbank

Die Tabelle klärt darüber auf, wer denn nun die hohen Ersparnisse, welche die Deutschen Privathaushalte jedes Jahr beiseitelegen ( rund 139,7 Mrd. € in 2014), mit neuen Schulden finanziert.  Es sind nicht die Unternehmen, denn diese sparen (63,92 Mrd. €), ebenso wie der Staat („Schwarze Null“ mit 18,04 Mrd. €) Alle Binnensektoren sparen, also bleibt nur noch die Verschuldung des Auslands. Ausländer verschulden sich mit zunehmender Tendenz, zuletzt 221,66 Mrd. €.  Schäubles Unmöglichkeitstheorem ist doch damit gelöst, oder?

Zu schön um wahr zu sein. Aber wo ist der Haken an der Sache? Nun, das Geldvermögen, welches deutsche Anleger ansparen, wandert inzwischen komplett ins Ausland. Über diese Auslandsverschuldung haben die Deutschen bislang rund 2 Billionen € im Ausland angespart und nicht zufällig begann dieser Boom nach Etablierung der Währungsunion. Ob diese Anlage besonders geschickt ist, darf bezweifelt werden. Denn laut Bundesbank beträgt die Nettoauslandsposition, also das Vermögen der Deutschen im Ausland, Ende 2013 nur noch 1,2 Billionen €.

Für Deutschland scheint dies dennoch ein bequemer Weg zu sein. Wir bilden Vermögen, die anderen Länder verschulden sich. Und die zumeist ökonomisch nicht ausreichend kompetenten Politiker (z.B. Kauder) raten dem Ausland gerade im Süden Europas. „Macht es doch auch so“. Genau jetzt sind wir wieder bei den Grundrechenarten, die doch eigentlich alle Beteiligten beherrschen sollten.

Die zuvor geschilderte Auslandsverschuldung ist nun die Gegenbuchung zu den deutschen Exportüberschüssen in exakt gleicher Höhe. Derartige Überschüsse halten sich zwischen zwei Ländern oder innerhalb einer Gruppe von Ländern immer die Waage mit Exportunterdeckungen des anderen oder der anderen Länder. Die Summe ist auch hier immer gleich NULL. Der Rat o.g. Politiker ist folgerichtig unsinnig, da nicht alle gleichzeitig Überschüsse haben können.

Wer Überschüsse ins Ausland exportiert, lebt somit unter seinen Verhält-nissen. Extrembeispiel dafür ist Deutschland. Hier ist die Inlandsnachfrage nicht hoch genug ist, um so viele Importgüter zu kaufen wie Exportgüter verkauft werden. Deutschland hat sich einen Wettbewerbsvorteil dadurch verschafft, dass die Löhne nun schon seit über 15 Jahren unterhalb der Produktivität verblieben sind. Länder, die weniger exportieren können, wie sie importieren müssen, leben dagegen über ihren Verhältnissen, so wie es insbesondere in Südeuropa zu beobachten war.

  • Der missratene Maastricht-Vertrag zur Euro-Gründung

Ursache für all die Probleme ist ein aus heutiger Sicht amateurhaft aufge-bauter Vertrag von Maastricht aus 1992. Aber schon damals prognostizierte u.a. der englische Ökonom Wynne Godley zahlreiche Missstände, die heute beklagt werden. Mit der EZB wurde eine einzige Institution geschaffen, die die Geldpolitik auf die europäische Ebene verlagerte. Die Hauptlast der Wirtschaftspolitik aber verblieb auf nationaler Ebene. Schon 1992 war klar, dass dies nicht funktionieren kann. Doch warum wurde es trotzdem beschlossen? Nun, das „Delors-Komitee“, eine Gruppe von Bankern, kam zu dem Schluss, dass die Zentralbank als einzige übernationale Institution ausreiche.

Die wirtschaftstheoretische Idee dahinter: Wirtschaftspolitik zum Ziel von Wachstum und Vollbeschäftigung funktioniert nicht, der Markt regelt alles zum Besten. Die Staaten sollen ihre Haushalte konsolidieren – und die Zentralbank soll die Geldmenge steuern. Dass dies überhaupt nicht funktioniert hat, erleben wir jeden Tag. Und Godley erwartete schon in 1992, dass in Zeiten einer Wirtschaftskrise die europäische Integration hinterfragt wird.

Die für das fehlerhafte Konstrukt EURO genutzten ökonomischen Theorien der Neoklassik und des Monetarismus sind empirisch eindeutig wiederlegt. Dennoch sind es genau diese Standardtheorien, die auch heute noch die Wirtschaftspolitik in Europa dominieren.

Sinnvoll und notwendig wäre u.a. gewesen, ein Inflationsziel zu vereinbaren sowie die Lohnentwicklung an die jeweilige inländische Produktivität anzupassen. Weil dies nur als Eintrittskriterium, nicht aber als Dauer-instrument vorgesehen war, haben sich innerhalb der EWU erhebliche Leistungsbilanzunterschiede ergeben. Hauptverursacher dieser Unterschiede ist die viel zu lange durchgehaltene Lohnmoderationspolitik in Deutschland, die auf Kosten der anderen Euromitglieder ging. Damit hat sich Deutschland auf Kosten Frankreichs, das sich lohntechnisch richtig verhielt, erhebliche Wettbewerbsvorteile erobert und erst recht gegen die Südeuropäer, die deutlich überzogen haben. Bei solchen Divergenzen muss jeder Währungsraum auseinanderbrechen.

Wir stellen fest: Der Euro hat nur eine Überlebenschance, wenn Deutschland seine Überschusspolitik abbaut, also sprich Richtung angeglichener Wirtschaftspolitik agiert.  Lohnerhöhungen oberhalb der Produktivität werden mittelfristig dazu beitragen können. Und selbstverständlich muss die völlig missratene Sparpolitik (Austerität) für Südeuropa und insbesondere Griechenland dringend korrigiert werden.

Fazit: „Schäubles Unmöglichkeitstheorem“ funktioniert nur, wenn sich die Ausländer noch mehr bei uns verschulden. Ist dies aber der Fall, wird das Überleben des Euro nicht möglich sein. Wenn gilt, was die Kanzlerin sagte: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“, dann ist das Scheitern Europas nicht mehr weit entfernt. Eine Umkehr ist dringend erforderlich. Und diese Umkehr ist unabhängig von der Griechenlandfrage notwendig.

 

 

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